Rhetorische Waffen

Rhetorische Waffen

Diesen Text schreibe ich als Nachbetrachtung dessen, was ich aus vielen Jahren Unterhaltungen gelernt habe, im Netz, mit Freunden, in der Familie, vor allem aber in Gruppen, in denen eine gemeinsame Sache im Vordergrund stand und man relativ unabhängig voneinander war; mit anderen Worten, ich habe erlebt, wie es anders geht und das gefällt mir wesentlich besser.

Manche Diskussionen werden mit rhetorischen Waffen geführt, weil Provokation Empörung hervorruft und soziale Bedürfnisse befriedigt. Mit Begriffen und Wörtern kann man sich sprachlich und moralisch abgrenzen und Milieus erzeugen. Solch eine Rhetorik zur Abgrenzung und Abwertung ist wahrscheinlich so alt wie die Sprache.

Gotik, Romantik, Impressionismus und Suffragetten waren Schimpfwörter, die beleidigen und abwerten sollten. Manche Begriffe wurden von den Beleidigten selbst benutzt, um sie zu entkräften, so dass der Begriff selbst seine Bedeutung durch den bekam, der ihn benutzte.

Es gibt aktuell eine ganze Menge Begriffe, die scheinbar sachlich klingen oder vereinnahmt wurden. Es geht den Sprechern dabei gar nicht um Verständnis und sachlichen Austausch. Die Begriffe sind wie Hiebe, eingängig und effektiv, gerade in der digitalen Kommunikation. Damit wird nicht über Inhalte diskutiert, sondern über Zugehörigkeit entschieden.

Rhetorische Kampfbegriffe sind nur scheinbar sachlich oder neutral – so kann man als Angreifer nicht belangt werden. Das ist ein Kampf von Milieus mittels Sprache, kein Motiv des Interesses, sondern der Grenzziehung; Territorien abstecken, die Grenzen der Toleranz kenntlich machen, obwohl gar keine Kampfsituation herrscht.

Hier eine Liste solcher Begriffe

  • Privilegien
  • Toxische Männlichkeit
  • Kulturaneignung
  • Struktureller Rassismus
  • Mansplaining
  • Gaslighting (inzwischen inflationär)
  • Hatespeech
  • Nachhaltigkeit (vereinnahmt)
  • Woke / Wokeness
  • Altmedien / Lügenpresse
  • Bevormundung
  • AI-Slop
  • Desinformation (je nach Sprecher gegen wen gerichtet)
  • Populismus (fast immer abwertend)
  • Narrativ (inzwischen Kampfbegriff gegen Mainstream)
  • Eliten
  • Gesunder Menschenverstand (impliziert: der andere hat keinen)
  • Verhältnismäßigkeit

Das gibt es zwar tatsächlich, aber die Begriffe werden mit einer bestimmten Absicht verwendet und als seien sie selbsterklärend. Man versucht gewissermaßen, die Sicht auf ein Thema wie mit einem Dübel zu verankern.

Wenn Menschen ihre eigenen Motive und Absichten nicht benennen können, handeln sie aufgrund unbewusster Motive, sei es Angst, Machtstreben oder schlicht Gewohnheit. Das führt zu Diskussionen, die im Nichts enden, weil niemand wirklich sagt, was er eigentlich will. Selbstbestimmtes Denken beginnt damit, sich selbst zu fragen: Warum habe ich diese Meinung? Was will ich damit erreichen? Wer das nicht tut, lässt sich leicht von Parolen, Vorurteilen oder Algorithmen leiten. Es ist kein Zufall, dass Populisten und Demagogen genau das ausnutzen, sie bieten einfache Antworten für Menschen an, die sich ihre eigenen Motive nicht eingestehen wollen.

Ich nehme mich da nicht raus. In Gesprächen mit Freunden benutze ich solche Begriffe, manchmal denke ich sie nur. In sachlichen Diskussionen halte ich mich bewusst zurück, weil ich weiß, was sie anrichten. Argumente sollen zur Klärung beitragen, nicht soziale Bedürfnisse befriedigen.

Doch rhetorische Waffen sind nicht immer offensiv. Oft dienen sie der Selbstüberhöhung. Der Sprecher stellt sich auf einen Sockel und formuliert von oben herab. Es sind keine direkten Angriffe, sondern subtile Techniken der Höherstellung: jovial, gönnerhaft, scheinbar besorgt. Der Effekt ist derselbe: Der andere wird kleiner gemacht, ohne dass der Angreifer sich angreifbar macht.

Hier ein paar Beispiele

Nicht von jedem wird das so empfunden, es ist keine Formel oder Regel, eher ein Gefahren-Potential. Man merkt an den Beispielen, dass vieles davon rhetorische Scheinsachlichkeit ist, die soziale Bedürfnisse befriedigt:

  • Lob durch Einordnung (Nicht schlecht für einen Amateur.)
  • Fragen ohne echtes Interesse (Kann mir jemand erklären …)
  • Falsche Besorgnis (Ich habe Angst, dass du wieder schadest.)
  • Falsche Großzügigkeit (Man macht den Empfänger zum Bedürftigen.)
  • Vergleich als Waffe (Man erwähnt einen Dritten, der es besser macht – scheinbar neutral, eigentlich Abwertung.)
  • Belehren ohne Nachfrage und etwas schwächer Erklären ohne Nachfrage (1)
  • Staunen oder Wundern (Ich wundere mich, dass dich das anspricht.)
  • Pauschalisierende Ausgrenzung (Manche Menschen wollen belogen werden.)
  • Überhebliche Sachlichkeit und der Vorwurf der Emotionalität (Ich sehe, du bist wütend.)
  • Unterstellung von Dummheit (Als […] solltest du das wissen.)

Wer sensibel für solche Formulierungen wird, erkennt damit, mit was für einem Gesprächspartner er es zu tun hat (der vielleicht etwas zu sehr oder vorrangig seine sozialen Bedürfnisse befriedigen will) und spart seine Energie für das, was wichtig ist, nämlich die Sache. Das ist kein Riesendrama, nur eben vorrangig ein Hierarchiegerangel mit wenig Inhalt, das einer anderen Sache dient.

Beispiel in Kombination: "Ich wundere mich, dass gerade du nicht erkennst, dass die Eliten dafür verantwortlich sind."

Wir alle haben soziale Bedürfnisse, aber die sollte man nicht auf Kosten anderer befriedigen oder den anderen nur als Mittel zum Zweck betrachten. Im echten Leben würden das Menschen schnell merken und sich zurückziehen und distanzieren. Hier kommen Empathie und Resonanz ins Spiel und blinde Flecken im Bereich der rhetorischen Bedürfnisbefriedigung können für einen selbst zum Nachteil werden.

Ich begegne solch einem Kommunikationsverhalten oft online und beobachte das auch bei mir selbst. Es gibt aber nur ganz wenige Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die tatsächlich so reden, was extrem auffällig ist und man sich von denen auch ziemlich schnell distanziert.

1: Schwieriger Punkt, wenn es um Kommentare, Korrekturen, Wissenslücken und Lernen geht. Aber jeder kennt vielleicht die penetranten Lehrerinnentypen, die in jedem Gespräch Wissenlücken suchen, die überhaupt nicht zur Sache gehören oder einfach niemanden interessieren und sogar vom eigentlichen Thema unnötig ablenken.